Bondingworkshops

Erfahrungsberichte

Erfahrungsbericht von Georg (Name geändert)

Im "Haus des Guten"

Als Kind eines Alkoholiker-Vaters und Zeugen Jehovas und als Scheidungskind war aus mir, Georg, ein Erwachsener geworden, der über den Dingen stand, und damit außerhalb des Lebens, das um ihn herum wuselte. Der präzise intellektuell dozieren konnte über Fragen der Moral, und der in listigen Diskussionen so manchen Weltverbesserer auszuhebeln vermochte. Der aber vor allem, als „stilles Wasser“, seine Gefühle für sich behielt, sie verbarg, auch vor den Menschen, die ihm nahe standen. 

Georg lebte eine seltsame Balance: Eine unerledigte Steuererklärung vermochte ihn in innere Panik zu versetzen, aber sein inneres Beben zeigte er nie, beklagte er gegenüber niemandem. Innen die irrational drohende Hölle, außen cool. Er heiratete, er wurde Vater dreier Kinder. Er funktionierte. Er zeigte seine Gefühle nicht, er spielte welche. Georg war ein Fremder, mitten unter den Menschen und an der Seite seiner Frau. Höflich und vorsichtig und brav, aber ohne Vertrauen in den Tag. Pflichtbewusst und mutlos. Fleissig und verlässlich und nicht froh, niemals wirklich froh, sondern voller Lasten auf den Schultern. 

In der „Hirsenmühle“ besuchte ich eine Sequenz mehrerer „Bonding“-Workshops, mit einigen längeren Pausen, über rund 5 Jahre verteilt. 

Ein Workshop in der „Hirsenmühle“ ist wie ein Labor, in dem die wirklich wesentlichen Konzentrate miteinander zur Reaktion gebracht werden. Ich hielt dort das Verbergen meiner Gefühle nicht durch. Im Alltag war ich nicht gewohnt, Gefühle zu zeigen und zu vertrauen - im Workshop erlebte ich die kindliche und jugendliche Angst, die dahinter steckt. Es war oftmals nicht angenehm. Ich war jedoch dabei nie allein. In den „Casriel-Bonding-Seminaren“ erlebte ich die Fürsorge und Begleitung der Therapeuten-Teams als die eigentliche, verlässliche Konstante der Prozesse.   

Wie beschreibt man es, wenn man innerhalb weniger Tage erlebt, dass es gelingen kann, sich von der Unfrohheit, von einem in Ängstlichkeit gelebten Leben zu verabschieden? Für mich war es wie ein Schock. Als würde ich nach langer Zeit endlich über den Rand blicken können. „On top of the world, looking over the edge…“ Wie ein Kind durchzuatmen und sich ganz dem Moment hingeben zu können. Aus manchem Workshop wollte ich nicht mehr heim. Ich war so erschüttert, so sehr innerlich bewegt. Und dabei so behütet in dieser eigenartigen Atmosphäre der „Hirsenmühle“. In diesen wunderbaren Bonding-Gruppen, umgeben von Menschen, die sich von Tag zu Tag mehr zueinander öffnen, bei gegenseitigem Respekt, ohne die Übergriffe, die der Alltag einem zumutet. Und am Schluss die Trauer, auseinandergehen zu müssen. Auch das gehört dazu. Wie im richtigen Leben. 

Einmal sagte ich zu Ingo, dem inzwischen verstorbenen Leiter, seine „Hirsenmühle“ sei ein Haus des Guten. Ein heiliges Haus. Ich durchschritt dort viele meiner vergrabenen, vermiedenen Lebensstationen im Zeitraffer, unter behutsamer Begleitung. Ich erlebte, was das Leben wirklich bereithält. Die ganze Fülle des Lebens und Empfindens besteht aus lauten und leisen Phasen, aus wütenden wie euphorischen Zeiten, aus deprimierenden wie glücklichen Stunden. Ich hasste dort. Ich wütete. Ich schrie. Ich weinte. Ich fand Ruhe. Ich umarmte. Ich wurde umarmt. Ich lachte. Ich verliebte mich. Ich verabschiedete mich. Ich vertraute. Ich verlor das Vertrauen. Ich gewann es zurück. Ich experimentierte und probierte und ließ meiner Neugier freien Lauf. 

Ich merkte und wiedererlernte, dass all dies auch für mich im realen Leben möglich ist. Schrittchen für Schrittchen „integrierte“ ich das, was ich im „Labor“ entwickelte, in den Alltag. Nicht perfekt. Niemals befriedigend. Wie oft haderte ich, es bringe alles nichts, ich käme wohl niemals weiter, ich sei eben der Zombie, der ich sei. Aber ich haderte. Und ich wurde ungeduldig. Früher hatte ich alles immer bloß stumm und dumpf ertragen und vorbeigehen lassen. Da liegt der Unterschied. 

Woran man im Workshop merkt, dass es genug ist mit der Therapie? Vielleicht, wenn sich in den Workshops eine „Normalität“ in der Wahrnehmung einstellt. Wenn die Differenz des Erlebens von „Drinnen“ und „Draußen“ kleiner wird. Wenn „draußen“ gut zu werden beginnt, wenn „draußen“ sich bewegter anzufühlen beginnt. Wenn die Rückmeldungen „draußen“ anders werden. Für mich war es, ist es so. 

Es gibt für mich eine Zeit vor der Hirsenmühle, und eine mit ihr. Ich wünschte, ich hätte sie früher entdeckt, die Hirsenmühle. Ich bin den verantwortungsvollen Therapeuten dort, denen ich tausendmal zutiefst misstraut und ebenso oft wieder vertraut habe, sehr dankbar. Wolfgang, Monika, Ute zumal. Ich werde noch manchmal zur Wartung kommen, zur Prävention. Der Gedanke daran fühlt sich gut an. 

Georg 
(Name geändert)