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Über Ingo Gerstenberg und seine Zeit … eine Würdigung seiner Ehefrau Adelheid Gerstenberg im Oktober 2004

Ingo und Adelheid GerstenbergDas Foto von Ingo und Adelheid Gerstenberg ist mit freundlicher Genehmigung der Website des Dan-Casriel-Institutes www.dan-casriel-institut.de entnommen.

Mein Mann, Dr. Ingo Gerstenberg, der dieses Institut, Dan-Casriel-Institut Hadamar, zwanzig Jahre lang mit großer Hingabe, fachlicher Kompetenz, Herzenswärme und tiefem Verständnis für die Menschen klug und verantwortungsbewußt geleitet hat, ist am 3. März 2004 gestorben.

Immer wieder werde ich gefragt, warum Ingo sich mit Leib und Seele engagiert hat hier an diesem Ort „Hirsenmühle“ für die Gesundheit und das Leben anderer Menschen. Letztlich weiß es niemand. Aber etwas, was ihn zusammen mit vielen seiner Generation der noch im Krieg oder am Ende des Krieges Geborenen angetrieben hat, war die Frage, was „Auschwitz“ möglich gemacht hat. Der Krieg und seine Folgen haben Ingo geprägt: die Flucht von Westpreußen über die “grüne Grenze“ nach Frankfurt am Main, die Kinderjahre mit Mutter, Großmutter, Großtante und dem Bruder ohne den Vater, der im Februar 1945 vor Berlin gefallen ist, die „vaterlose Gesellschaft“, starke Frauen, die hart arbeiteten, um den Kindern auch ohne Vater eine gute Ausbildung zu ermöglichen, Aufenthalte in Heimen und Internaten, schließlich die 68iger Jahre in Heidelberg. Eine Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetzgebung, gegen ehrwürdige Professoren und verdiente Politiker, die sich als Altnazis entpuppten, gegen die Verdrängung der Gräuel der Nazizeit durch Wirtschaftswunder, Konsum, Wiederbewaffnung, gegen ungebrochene braune Seilschaften über 1945 hinweg.

Das Mißtrauen gegenüber Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, die von allem nichts wussten oder es nicht so genau wissen wollten, ihr Schweigen, führten zum Aufdeckenwollen, zur lauten und ausdruckssüchtigen Solidarisierung mit Gleichgesinnten auf der Straße, in Seminaren, auf Demonstrationen und in Gruppen: Politgruppen, Projektgruppen, Selbsthilfegruppen, Psychogruppen, Graswurzel-Gruppen wuchsen aus dem Boden. Es wurde tage- und nächtelang geredet, gehockt, diskutiert, politisiert und therapiert.

Der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno gab dieser Bewegung in seinem Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“ (1969) ein politisches und pädagogisches Programm, das auch Ingo geprägt hat, ebenso wie Erich Fromms „Haben oder Sein“, in dem er immer wieder gelesen hat, oder Alexander Sutherland Neill, „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill“, ein Buch, das Ingo begeisterte und in dem er erste Impulse für eine Art Lebensschule auf der Basis von Gewaltfreiheit, Interesse am Leben und wechselseitiger Achtung bekam.

Wir wünschten uns die Welt leidenschaftlich anders, menschenwürdiger, ehrlicher, gewaltfrei, lustvoller, zärtlicher. Wir wollten achtsamer sein mit uns selbst und der Natur, gerechter in der Verteilung von Chancen und Gütern. Wir lehnten es ab, das Grauen und das Elend der Welt, sei es am Hauptbahnhof nebenan, sei es in der Dritten Welt, durch „edles existentielles Gerede“ (Adorno) zu übertünchen.

Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz! Dafür wollten wir uns und die Gesellschaft verändern. Statt Selbstentfremdung forderten wir Selbstbestimmung und Emanzipation aus jeder Form von Abhängigkeit durch Mitspracherechte in Institutionen, durch das Beenden menschenunwürdiger Behandlung von Psychiatriepatienten, Häftlingen, Drogenabhängigen und Außenseitern aller Art! Aus passiven Patienten und Opfern sollten mündige, ihr Leben und ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmende Menschen werden.

Diesen neuen Geist fand Ingo nach seinem Examen in der Heidelberger Free Clinic wieder, einer medizinisch psychosozialen Ambulanz, in der junge Menschen mit Drogenproblemen nicht nur kostenlos medizinisch versorgt wurden, sondern auch psychische Stabilität und soziale Kompetenz entwickeln konnten, auf Augenhöhe mit Ärzten und Therapeuten und Fachleuten, demokratisch und kreativ. Später arbeitete Ingo in der Klinik Bad Herrenalb, wo Walther Lechler das Modell einer „Therapeutischen Gemeinschaft" entwickelte, in der die „Gäste" in eigenverantwortlicher Zusammenarbeit mit den Therapeuten, in offener Begegnung, in Konfrontation, in erfrischend direkter emotionaler und körperlicher Nähe („Bonding"!) ihre Krise als Chance zur Veränderung erfahren konnten.

In den achtziger Jahren engagierte sich Ingo in der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen gegen die damalige UDSSR, in Demonstrationen in Mutlangen und Bonn, in öffentlichen Diskussionen (mit dem Kernkraftgegner Robert Jungk) und in „Dy In's“, in denen Ärzte über die Folgen atomarer Aufrüstung informierten (Bundesweite Initiative „Ärzte warnen vor dem Atomkrieg“), nach dem Motto, „Die Überlebenden werden die Toten beneiden!“

Durch unseren Umzug nach Hadamar wurden wir wieder konfrontiert mit der Realität der Naziverbrechen durch den tausendfachen Mord an geistig- und körperlich behinderten Menschen in der psychiatrischen Anstalt der Stadt während des Krieges durch Ärzte und das Pflegepersonal. Es waren ganz normale, anständige Bürger, die hilflose, treuherzige, ahnungslose, geängstigte Menschen ins Gas schickten oder ihnen die Giftspritze verabreichten. In den 80er Jahren wurde an diesem Ort eine Gedenkstätte errichtet.

Wenn man versteht, dass die Wurzeln von Auschwitz nicht nur, aber auch in der Persönlichkeit der Täter zu finden sind, in dem von Angst durchdrungenen autoritären Charakter, der ohne Mitgefühl für sich und andere seinen Selbsthaß und seine heillose Angst verleugnet, betäubt, bagatellisiert oder nach außen entlädt, ist die Antwort darauf die Wendung zum Menschen. Ingo begriff seine psychotherapeutische Arbeit vor diesem Hintergrund immer als Friedensarbeit.

Wie viele andere seiner Generation, die mit Wachheit und Sensibilität die Folgen des Krieges, von physischer und psychischer Gewalt, erlebt und wahrgenommen haben, arbeitete Ingo dafür, Gefühllosigkeit in Mitgefühl umzuwandeln. Er wollte den Schmerz, die Angst, den Zorn aber auch die Freude fühlen, ohne die das Leben erkaltet. Er wollte mit Menschen daran arbeiten, beziehungsfähig zu werden, Mut zu haben, sich den Konflikten zu stellen, seine Wahrheit zu sagen und dennoch ansprechbar zu bleiben für die andere Meinung, den Widerspruch. Er konnte die Arbeit am inneren Frieden nicht trennen von der Teilnahme an dem, was um uns herum geschieht.

Ingo hat mit seinem Leben seine Antwort auf seine Zeit gegeben – die Zeit nach Auschwitz und dem Zweiten Weltkrieg!