Netzwerk Hirsenmühle

Nachruf Ingo Gerstenberg

Eine Würdigung zum Tode von Ingo Gerstenberg, bei dem wir die Bondingtherapie erlernten. Von Monika Zollmann-Ziolko und Wolfgang Nitzler, August 2004.
Das Foto von Ingo Gerstenberg ist mit freundlicher Genehmigung der Website des Dan-Casriel-Institutes www.dan-casriel-institut.de entnommen.

Ingo GerstenbergJeder Workshop ist wie eine Reise über den Ozean

„Herzlich willkommen zu diesem Workshop. Wir haben eine spannende Reise mit vielen Abenteuern vor uns. Es gibt in uns und in den Beziehungen zu anderen Menschen viel zu entdecken, geleitet von der Frage: „Was fehlt mir wirklich in meinem Leben?“.

So oder ähnlich begrüßte Ingo die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines jeden Workshops. Die Turbine im Kellergeschoß mit ihrem gleichbleibenden Brummen, die den hauseigenen Strom produzierte, war auch im großen Gruppenraum im Dachgeschoss noch zu hören. „Diese Turbinengeräusche werdet Ihr Tag und Nacht hören, sie begleiten uns auf unserer Reise. Ihr könnt Euch vorstellen, auf einem großen Ozeandampfer zu sein, der über den Atlantik fährt. Ihr hört immer das Motorengeräusch, das sagt, es geht weiter. Am letzten Tag der Reise werden wir alle wohlbehalten wieder im Hafen ankommen.“

Von Natur her ausgerüstet mit dem Talent, sich gerne in Gruppen zu bewegen, entwickelte Ingo sich im Laufe seines Lebens zu einem Kapitän, auf „dessen Schiff“ sich die Gruppenteilnehmerinnen und Gruppenteilnehmer sicher fühlten. Sie spürten den Halt, sein großes Herz, seine Toleranz für die unterschiedlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit all ihren Eigenarten, Besonderheiten und Seelennöten. Und sie erlebten seine Präsenz, seine mitreißende Vitalität, seine Lebenslust, die ihn zu einem hoch vertrauenswürdigen integren Therapeuten machten.

In der Mitte der Reise, wenn die Themen ausgelotet, der therapeutische Kontrakt sicher geschlossen und sich die Gruppe als therapeutische Gemeinschaft zusammengefunden hatte, konnte es stürmisch werden. Nach dem heftigen bis kathartischen (befreiend, erlösenden, druckentlastenden) Ausdruck der Gefühle, deren Einordnung und identitätsstiftende Einstellungen zu sich und der Welt, wurde die immer wieder erstaunende Erkenntnis sichtbar, dass die unterschiedlichsten Menschen sich in der Tiefe ihrer Emotionen sehr ähnlich sind. Ingo bewegte sich instinktsicher in der inneren Dramaturgie der Emotionen, stand wie ein Fels in der Brandung oder wie der Kapitän, dem auch die heftigen Wellen der Gefühle nur Berührtheit und liebevolles Begleiten anhaben konnten.

Er war bereit, sich für Fehler, Unstimmigkeiten, Projektionen oder Missverständnisse konfrontieren und kritisieren zu lassen. Er nahm es auf, dachte und meditierte darüber und gab dem ihn Konfrontierenden ein paar Stunden oder einen Tag später eine ausgewogene Antwort. Und immer gelang es ihm, die Beziehung als Fundament zu halten, auf dem der Konflikt stattfand. Das imponierte und ermutigte die Menschen, die Konflikte als Gewaltpotential furchtbar erlebt oder als Beziehungsabbruch subtil feindlich kennengelernt hatten. Er und sein Beispiel ermutigte sie, sich ihrem geheimen Aggressionspotential zuzuwenden und sich ihrer Angst über die erlebte Gewalt zu stellen. Aggressive Kommunikationsmuster unterbrach er öfter mit einem humorvollen Ausspruch und einem freundlichen Lächeln.

Ingo war ein vollständig integrer Therapeut. Er bot oft seinen Körperkontakt an, um tiefe regressive Prozesse von Geborgenheit und Vertrauen zu ermöglichen, die viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer nie zuvor bei einem Menschen und Mann erlebt hatten. Dabei hielt er immer die beiderseitigen Grenzen ein.

Am letzten Tag des Workshops „lief das Schiff wieder in den Hafen ein“. Der Kapitän ging als letzter von Bord, zufrieden mit seiner Arbeit, erschöpft von den Anstrengungen und dem großen Bedürfnis, die nächsten Tage mit sich und seiner Frau/Familie zu verbringen.

Er kämpfte besonders um Menschen, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr sahen und mit Selbstmordtendenzen in den Workshop kamen. Hier brachte er sich sehr persönlich ein.

Es kam zu tiefgreifenden menschlichen Begegnungen in einem Versuch, den innersten Kern des anderen zu erreichen. Daraus ergab sich der eine oder andere längere Therapiekontrakt, der dann über Jahre ging und in seiner Inhaltlichkeit der Bedeutung einer „Neu-Beelterung“ gleichkam, d.h. Ingo stellte sich als Therapeut und Mensch langfristig als Übertragungsträger mit vielen, auch telefonischen Kontakten zur Verfügung. Er ermöglichte so grundlegend neue Bindungserfahrungen mit all ihren Ambivalenzen und negativen Übertragungen, bis der andere in der Liebe und dem Zutrauen angekommen war und dann langsam aus der Übertragungsbeziehung in die Autonomie hinauswachsen konnte.

All die beschriebenen Eigenschaften zeichneten ihn als Kapitän aus. Dabei war er kein Heiliger. Jeder seiner Therapeuten und Klienten wird eine Menge über seine Ecken, Kanten und Eigenarten erzählen können, die allerdings im Gesamteindruck eher sekundär sind.

Zu den prägenden Elementen jeder Workshopreise gehörte auch die Realität des Lebens auf der Hirsenmühle. Sowie die Turbine ihren Takt verlor, wurde aus dem Therapeuten Ingo blitzschnell der Mechaniker, der mit dem Hausmeister den Fehler suchte. Bei großen Regenfällen kam es gelegentlich zu Überschwemmungen, wo er in Gummistiefeln mit den Gruppenteilnehmerinnen und –teilnehmern das Gelände sicherte. Als die Heizung einmal im Januar kurzfristig ausfiel, wurde improvisiert und „Therapie in Decken eingehüllt“ gemacht. Auch das war Ingo, der Therapeut, der Hausmeister, der Mechaniker, der Gutsherr auf seinem Gelände.

Was die Qualität seiner therapeutischen Arbeit betrifft: zu seinem großen Herzen gehörte auch, dass Ingo die unterschiedlichsten Therapieformen mit in die Casriel-Bonding-Therapie aufnahm. Schon Anfang der 90-er Jahre hielt die systemische Therapie mit Familienaufstellungen und der mehrgenerationenübergreifenden Sichtweise Einzug. Hinzu kamen Elemente der Familien-, der Festhalte-, der Hypno- und der Traumatherapie. In den letzten Jahren war die therapeutische Arbeit zunehmend mehr von seiner tiefen Spiritualität geprägt. So wurde aus dem ehemaligen, eher konfrontierenden Casriel-Bonding-Therapeuten und Transaktionsanalytiker ein Systemiker, Trauma- und Bindungstherapeut mit einem liebenden Herzen, der sich zu klaren Werten äußerte und diese auch seinen Klienten an die Hand gab. In Zeiten zunehmenden Werteverfalls bekannte er sich zu Werten von Glauben, Zweierbeziehung, Familie, Kinder haben, Treue, Elternliebe, Versöhnen und seinem Schicksal zustimmen.

Mit ihm an Bord waren im Laufe des zwanzigjährigen Bestehens seines Instituts viele Therapeutinnen und Therapeuten unterschiedlichster Schulen. Manche blieben kurz, viele lang. Wir lernten bei ihm, auf unsere Weise „erster Offizier“ zu sein, dann „Co-Kapitän“, bis er uns eigene Schiffe anvertraute, die wir auf unsere ureigene Weise durch die Wellen lenkten. Er ließ sich von den ergänzenden Therapiemethoden, die wir mitbrachten, inspirieren und nahm unser Wissen gespannt und neugierig mit auf.

Er starb, als wir begleitenden Therapeuten aus seinem Team alles Wichtige und Notwendige gelernt hatten, „um Kapitän auf unseren Schiffen“ zu sein, auf denen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sicher „die Reise über das große Wasser“ antreten können. Sein Tod hinterlässt in uns eine Lücke und lehrt uns doch gleichzeitig, auf unsere eigene selbstsichere Kraft zu vertrauen. Danke, Ingo!

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und über die Hirsenmühle.